Vereinigung der Strassenbau- und Verkehrsingenieure in Schleswig-Holstein e.V.
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Sonntag, 30. April 2017

quo vadis Ingenieurnachwuchs?

Der zunehmende Mangel an Fachkräften stellt nicht nur Industrie und Handwerk vor massive Probleme. Bauunternehmen, Planungsbüros und öffentliche Verwaltungen suchen qualifiziertes Personal insbesondere im Ingenieurbereich. Vielfach bleiben vakante Stellen monatelang unbesetzt, weil sich keine geeigneten Kräfte finden. Dringend zu erledigende Aufgaben und Investitionen etwa bei der Erhaltung der Verkehrsinfrastruktur müssen verschoben werden oder bleiben liegen. Die VSVI Schleswig-Holstein e. V. greift das Thema auf zu zeigen, wie diese Situation aus Sicht der verschiedenen Fachverbände eingeschätzt wird und welche Perspektiven dort gesehen werden.

Dazu befragt unser VSVI-Mitglied Dipl.-Ing. Carsten Carstensen die jeweiligen Verbandsvertreter.

...erster Teil

Den Anfang in dieser Reihe macht der Vizepräsident der Bundesvereinigung der Straßenbau- und Verkehrsingenieure e. V. (BSVI), Dipl.-Ing. Rainer Popp.

Herr Popp, aus der Sicht der Bundesvereinigung haben Sie hier sicher einen ganz guten Überblick:
Wie viel technisches Personal wurde in den Straßenbauverwaltungen der Bundesländer abgebaut?

Zunächst möchte ich an die Aufgabenverteilung im Straßenbau erinnern wie sie im Grundgesetz geregelt ist: Die Länder betreiben den Straßenbau im Auftrag des Bundes mit eigenen Verwaltungen und eigenem Personal. Daher kann es naturgemäß keine einheitliche Antwort auf diese Frage geben.

Die Straßenbauverwaltungen der Länder haben nach unserer Übersicht in den letzten 20 Jahren Personal in einer Größenordnung von 20 % bis 30 % abgebaut – und das trotz zunehmender Aufgaben und immer komplexerer Aufgabenstellungen. Das war und ist unter Berücksichtigung der Verwaltungsreformen und teils massiven Strukturänderungen bis hin zu Privatisierungen von zuvor staatlichen Aufgaben oft zu viel. Manche Verwaltung konnte sich bei der Planung der Straßen und Brücken noch einen gewissen Spielraum schaffen, indem sie z. B. im Straßenbetriebsdienst überproportional Personal abgebaut haben, aber ansonsten sehen wir eine zunehmende Überlastung, die sich auch dramatisch auf die Leistungsfähigkeit auswirkt.

Wie hoch schätzen Sie den Bedarf an Straßenbauingenieuren ein und kann er Ihrer Meinung nach gedeckt werden?

Der Bedarf an Ingenieurinnen und Ingenieuren ist in der Bauindustrie, in den Büros und in den Behörden ungebrochen, täglich zu spüren und kann schon heute nicht mehr auch nur ansatzweise gedeckt werden – Stichwort: Fachkräftemangel. Bedenkt man, dass Planen und Bauen immer komplexer, die Spezialisierungen immer feiner und die Projektkommunikation immer aufwändiger werden und dass die Demografie auch vor den Bauschaffenden nicht Halt macht, dann muss allen klar sein, auf welchen Personalengpass wir zusteuern bzw. schon angekommen sind. Wenn jetzt auch noch die Investitionen gerade wegen des immensen Erhaltungsbedarfs hochgefahren werden – was für Deutschland ja richtig und wichtig ist – dann wird sich die Personalsituation noch weiter verschärfen und einen Zustand herbeiführen, der eine fachgerechte Realisierung stark infrage stellt. Noch eine Anmerkung zur Diskussion um die Übernahme der Autobahnen oder gleich aller Fernstraßen durch den Bund. Auch eine Bundesgesellschaft würde vor denselben Problemen stehen, neue und gute Ingenieure zu bekommen.

Wie viele Studierende im Bauingenieurwesen spezialisieren sich in Straßenbau- und Verkehrstechnik und stoßen in absehbarer Zeit auf den Arbeitsmarkt?

Zum einen hat uns der Bologna-Prozess eine schier unüberschaubare Zersplitterung der Studiengängen im Straßenbau- und Verkehrswesen beschert wie z. B. „Urbane Mobilität“ oder „Internationales Baumanagement“. Zum anderen hat sich der Studierende heute während des Studiums ja noch gar nicht auf eine Fachrichtung festgelegt, so dass uns hierzu keine Zahlen vorliegen. Was wir von den Kollegen aus den Universitäten und Hochschulen hören, ist, dass die Studierendenzahlen im Bauingenieurwesen sich regional sehr unterschiedlich entwickeln. Generell ist aber klar, dass schon heute die aus dem Berufsleben ausscheidenden nicht 1:1 ersetzt werden können. Der Ingenieurmangel wird sich bald noch weiter verschärfen, wenn die starken Jahrgänge – in den Belegschaften sind die 50- bis 60-Jährigen eindeutig die größte Gruppe – in Rente oder Pension gehen.

Wie wird sich die Personalsituation in diesem Bereich aus Ihrer Sicht entwickeln?

Die Lage ist sehr ernst. Unter den Baufirmen ist der Wettbewerb um den nächsten Auftrag hart und die Ingenieurbüros können oft die eigentlich gesetzlich fixierten Honorarsätze nicht erzielen. Bauingenieure verdienen im Vergleich zu Maschinenbau- und Elektroingenieuren deutlich weniger. Ich arbeite in der Bayerischen Straßenbauverwaltung die ebenfalls durch den Sparzwang rund 20 % der Stellen abbauen muss. Mit immer weniger Personal stemmen wir aber immer höhere Investitionen – das geht empfindlich an die Substanz. Die Ansprüche, die die Gesellschaft an eine moderne Straßeninfrastruktur stellt, sind hoch – Tendenz steigend. Leistungsfähig, verfügbar, sicher, umweltschonend sowie radfahrer- und fußgängerfreundlich soll sie sein. Das ist nur mit gut ausgebildetem, hochqualifiziertem und motiviertem Personal zu leisten. Um diese Aufgaben zu bewältigen, muss die Gesellschaft in den kommenden Jahren ein besonderes Augenmerk auf den Nachwuchs legen. Das fängt bei dem Bild des Bauingenieurs in der Öffentlichkeit an und hört bei der Bezahlung auf. Nur so können wir sicherstellen, dass unsere Infrastruktur auch morgen die hohe Qualität von heute bieten kann.

Danke für das Gespräch!

Fortsetzung folgt

 

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